Die Eule Langohr – Warum wir unseren Bildern Namen geben

Kennst du das? Du hast Stunden an deinem Werk verbracht, hast dich ganz hineinbegeben und zeigst es dann voller Stolz. Und das Erste, was kommt, ist dieser eine Satz: „In echt sieht das so aber nicht aus!“ In diesem Moment zieht sich in uns alles zusammen. Wir wissen meistens selbst, dass es anatomisch nicht perfekt ist oder der Baum in der Natur anders wächst. Vielleicht haben wir es technisch in dem Moment einfach nicht anders hingekriegt – aber wir haben es für uns so akzeptiert und liebevoll angenommen. Wenn dann jemand in dieser Wunde bohrt, tut das weh, weil er direkt in unser offenes Herz sticht.
Den Spieß einfach umdrehen
Ich habe beim Zähneputzen darüber nachgedacht, wie wir uns und unsere Werke schützen können. Die Lösung ist so einfach wie genial: Wir geben dem „Makel“ einen Namen und machen ihn zum Star des Bildes. Noch bevor der andere eine sachliche Analyse starten kann, legen wir die Regeln für unsere Welt fest.
Stell dir vor, du zeigst dein Bild und sagst: „Das ist die Eule Langohr. Sie hört alles, was wir sagen – sogar deine innere Stimme.“ Damit ist das Thema erledigt. Niemand wird mehr sagen, die Ohren seien zu lang, denn sie müssen genau so sein. Du hast den Fokus verschoben: Weg von der kalten Anatomie, hin zur Geschichte und zum tiefen Gefühl.
Die Freiheit, das Besondere zu feiern
Wenn wir malen, dann leben wir eine Freiheit aus, die wir sonst nirgends haben. Wo denn dann bitteschön, wenn nicht hier?
Den ganzen Tag funktionieren wir. Im Job, in der Familie, im Alltag – überall gibt es Regeln und Erwartungen. Aber sobald wir den Pinsel in die Hand nehmen, brechen wir aus diesem Korsett aus. Auf unserem Untergrund sind wir die Bestimmer. Wenn wir entscheiden, dass der Himmel heute Rosa leuchtet, dann ist das so. Das ist die einzige Welt, in der uns niemand vorschreiben kann, wie „echt“ etwas zu sein hat. Hier dürfen wir endlich einfach nur sein, ohne eine Norm erfüllen zu müssen.
Wir malen, weil es unsere Seele streichelt. Das ist so viel mehr als nur ein Abbild. Wenn wir das Meer malen, dann gehen wir gedanklich direkt an diesen Ort. Wir stehen nicht vor einer Leinwand, wir stehen am Ufer. Wir schmecken das Salz auf den Lippen, wir spüren den rauen Wind auf der Haut und fühlen, wie sich die Härchen auf unseren Armen und Beinen aufstellen. In diesem Moment sind wir dort. Diese Gefühle sind echt. Wir schenken uns diese Reise und diese tiefe Ruhe, ganz egal, wo wir gerade physisch sitzen.
Dein Bild, deine Regeln
Die Menschen, die so kleinlich kritisieren, haben oft noch nie einen Pinsel in der Hand gehalten. Sie sehen nur ein Ergebnis, aber wir haben den Sand zwischen den Zehen gespürt. Wir lassen uns diese Reise nicht kaputt machen.
Indem wir dem Besonderen an unserem Gemälde einfach einen Namen geben, schenken wir ihm eine eigene kleine Identität. Es muss keine riesige Geschichte sein – ein Wort oder ein Name reicht schon, um unseren Seelenmoment zu schützen. Erzähl den Menschen nicht, was du versucht hast zu malen, sondern sag ihnen einfach, wer da auf deinem Bild wohnt:
- Der Baum mit dem schiefen Stamm? Das ist der „Tänzer im Wind“.
- Das Meer, das zu blau geraten ist? Das ist die „Lagune der Träume“.
- Die Eule mit den langen Ohren? Eben unsere „Eule Langohr“.
So verhinderst du ganz entspannt, dass die „Logik-Polizei“ dein Herzensprojekt mit dem Lineal misst. Bleib mutig, bleib frei. Wir malen weiter – mit all unserer Liebe und dem guten Gefühl, dass jedes unserer Bilder genau so richtig ist, wie es ist. Lineal misst. Wir malen weiter – mutig, frei und immer mit einer guten Geschichte im Gepäck.
